29.01.17

Zu Fuß über den Balkan - Letzter Teil - Bunkerparanoia und Abschied vom Balkan


Foto: Zbulo.org

Wir verlassen Doberdol, das Schäferdorf über dem die drei Länder Montenegro, Albanien und Kosovo zusammenstoßen. Hinter uns liegen fast zwei Wochen Hochgebirgstour, und hinter mir liegt eine fast schlaflose Nacht. Die drei Frauen, mit denen ich das Bett teilte, sind allerdings putzmunter.


Wir lagen zu viert in einer Schlafstatt: Ich am rechten Rand, dann meine Frau, daneben Helga und Brigitte.  Zwei solcher Schlafstätten gibt es in der Hütte, peinlich sauber geschrubbt, mit Holzfußboden und Blechdach und den zugigen Steinwällen unter dem Dachgebälk. Luxus im Niemandsland. Das ich nicht schlafen konnte, nachdem wir uns zu acht die halbe Nacht Witze erzählt haben, lag an gefühlt 100 Hunden die im Hochtal verstreut mit ihrem Bellen die Nacht zum Tag machen; einer davon direkt vor unserer Türe. Man sagt ja, die Albaner wären alle bewaffnet, sie hätten ruhig Ruhe schaffen können.
Keine Waschmaschine weit und breit, und trotzdem alles supersauber. Hütte in Doberdol. Foto: Misch

Das Frühstück ist gewohnt lecker, unsere Gastgeberin hat bis Mitternacht am Herd gestanden und ist bei Sonnenaufgang wieder raus, und das nicht wegen der Hunde! Wir wandern mit Wehmut ab, was jetzt noch kommt ist Kultur, Rückflug und Erinnerung.

Das hier ist Grenzland, und Grenzland in Albanien heißt Bunker an Bunker. Man schätzt 200.000 seien entlang der albanischen Grenzen gebaut worden, geplant waren 350.000 Stück, für jede Familie einer. Stiftung Warentest auf albanisch gefällig? Es heißt, die Konstrukteure und Ingenieure der Bunkeranlagen mussten in ihre Produkte kriechen und wurden dann aus Panzern beschossen. Wir fragen uns, wie wahnsinnig eine Regierung sein muss, ein solches Projekt aus einem bettelarmen Land herauszupressen.

1960 brach der Diktator Albaniens, Enver Hoxha, die Beziehungen zum Bündnispartner Sowjetunion ab. Die waren ihm dort einfach nicht mehr stalinistisch genug. Er orientierte sich nach China (mit denen er sich später auch überwarf). Hoxha wollte die Sowjets komplett loswerden, dummerweise aber unterhielten die eine Militärbasis an der albanischen Küste, und die war zum einem kostspielig, zum anderen strategisch wichtig für sie. Nach und nach entwickelte Enver Hoxha eine Art Phobie gegen den Rest der Welt (gegen die Sowjetunion war die Angst durchaus gegründet). Er  fühlte sich von allen bedroht. Also baute man Bunker um sich einzuigeln. Ganz nebenbei kann man ja aus den Bunkern nicht nur in Richtung Grenze ballern, sondern auch aufs eigene Volk. Diese Praxis war im ganzen Ostblock beliebt, in Albanien hat man sie bis ins Extreme verfolgt.
Foto: Zbulo.org

Diese Periode ist vorüber. Wir verlassen ein Land, das uns ins Herz geschlossen hat, und das auch wir nicht wieder vergessen können. Zwischen Hochgebirge und Städten, zwischen Müllbergen und grandioser Natur, zwischen Klöstern und pulsierendem Nachtleben haben die Albaner und Kosovaren uns gezeigt, wie gut es uns geht. Europa, wenn es denn jeden Morgen wieder aufwachen will, kann sich dem Fleiß und dem Willen dieser Menschen nach einem europäischen Leben nicht für immer verschließen. Die große Politik ist für uns Hochgebirgswanderer so undurchschaubar wie Enver Hoxhas Ängste. Aber wir können im Kleinen beginnen und Geld als Urlauber dort lassen, direkt bei den Familien im Hochland, bei den Schäfern und  Blaubeersammlern, in den Pensionen und kleinen Hotels, in den Gasthöfen und Bars am Wegesrand. Denn das Geld fließt nicht nur in die Kassen, es ist eine Art Herzenslohn und ein Zeichen: Ihr seid nicht vergessen.
Foto: Misch


Auf dem Weg zum Flughafen bittet unser Fahrer Rusha Ricaro zu übersetzen: Er habe noch den Ausweis der Befreiungsarmee UCK, den trage er immer bei sich. Ob wir uns von ihm entführen lassen wollen? Ein Foto von ihm mit Ausweis, und wir könnten von der deutschen Regierung so viel Geld fordern, dass wir den Rest des Lebens hier in Albanien herumwandern könnten.  Zudem kennen wir doch nun das besondere Gastrecht in Albanien.
Rusha ist zwei Meter groß und könnte den Bus auch ohne Wagenheber reparieren. Wer wollte da an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln?


ENDE 

Foto: Zbulo.org
 

Anmerkungen: Wir reisten im Sommer 2015 mit dem Reisebüro des Deutschen Alpenvereins, dem DAV-Summit-Club. Organisation vor Ort: Ricardo Fahrig. Ricardo betreibt in Tirana eine eigene Reiseagentur und stellt gerne individuelle Touren zusammen. Lieber Ricardo, für die gelungene Reise herzlichen Dank, außerdem fürs Bildmaterial und den einen oder anderen fachlichen Hinweis zum Text. Mehr Bilder aus Albanien gibts hier
Wir planen 2018 eine weitere Tour, diesmal im Süden, Kombination Berge und Meer. Da der Summit-Club die Tour aus dem Programm genommen hat, werden wir bei Ricardo direkt buchen. Wer Lust und Interesse hat, darf sich gerne anschließen. Die optimale Gruppengröße beträgt 10 Personen.

Sportliche Grüße

Olaf

Den ganzen Bericht am Stück gibts hier oder einfach hier im Blog.

1 Kommentar:

  1. Dann können wir uns ja 2019 auf eine weiter Blogserie freuen :-) danke für die tollen berichte!

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