22.01.17

Zu Fuß über den Balkan - Teil 8 - Gastfreundschaft und Gastfeindschaft


Südalbanien. Foto: Zbulo.org



Wir denken seit einiger Zeit darüber nach, nächstes Jahr wieder nach Albanien zu reisen. Diesmal vielleicht auf eigene Faust. Was aber, wenn wir uns im Gebirge verirren und keine Unterkunft mehr finden und nachts in einer Schäfersiedlung stranden?
Kein Albaner wird dir je die Tür weisen. In Albanien heißt es: dein Haus gehört nicht dir, es gehört Gott und dem Gast.



Du wirst in Albanien nie abgewiesen wenn du um ein Nachtlager bittest, die Schande für den Gastgeber würde ihn und seine Familie ewig verfolgen. Selbst in der armseligsten Schäferhütte wäre immer Platz für einen verspäteten Wanderer. Dieses Ritual der extremen Gastfreundschaft wildfremden Menschen gegenüber ist nicht immer problemlos an den Albanern vorüber gegangen. Der Gastgeber war für seinen Gast verantwortlich bis dieser das Dorf verlassen hatte. Geschah dem Gast etwas, so konnte in alten Zeiten eine Art Fehde daraus entstehen. Die Familie des Gastes hatte das „Recht“ der Blutrache am Gastgeber. Es mag Fehden gegeben haben, deren Ursprung bald keiner mehr kannte, die aber weiterlebten. Wie lebendig diese blutige Tradition heute noch ist, bekommt man aus den Albanern nicht so recht heraus. So manche Kulla steht noch, Türme in denen Mörder unterkommen konnten und wo sie nicht belangt wurden, solange sie diesen nicht verließen.
Kulla, heute Museum. Foto: Misch


Wir schaukeln heute verteilt auf drei Landrover eine Piste entlang, die selbst den hartgesottenen unter uns feuchte Hände verursacht.  Wir vermuten, die Verteilung ist nur Risikominderung, so stirbt nicht die ganze Reisegruppe beim Absturz. Meine Frau fährt im Fahrzeug hinter mir, wieder Risikominderung. Es geht eine Schlucht hinauf nach Theth, DEM Feriendorf Albaniens. Als es losgehen soll, drängen sich noch Britta und ihre drei Kinder ins Fahrzeug, sie wollen auf halber Strecke raus. Die Kinder sind zwischen 7 und 14 Jahre alt und wandern freiwillig, was für eine Leistung! Britta schwäbelt, während sie gegen Knie und Rucksäckle geschubst wird, dass sie mit den Kindern jedes Jahr nach Albanien kommt. Wir betrachten den Abhang auf der rechten Seite und nicken. Der Landrover klettert in Schrittgeschwindigkeit durchs Gelände und hält an einer Stelle, an der zwei Stahlröhren von etwa einem Meter Durchmesser über die Schlucht gelegt sind. Hier müsse sie raus, sagt Britta. Drüben wohne sie. Unser Fahrer bietet an sie mitzunehmen, sie können von Theth aus auf der anderen Seite der Schlucht zurückwandern. Aber sie winkt ab, schnappt die Kinder und klettert einen Abhang hinunter. Bald balancieren alle 4 auf den Stahlröhren über die Schlucht. Die Kleinste kriecht auf allen vieren. Etwa 40 Meter unter ihnen stürzt der Fluß durch die Schlucht. Wir schlucken und vergessen Fotos zu schießen. Ich denke gerade daran, dass in Kassel die Brückengeländer über die Fulda höher gesetzt wurden, damit niemand drüberfällt.


Brittas Plätze werden von Sam und Jenny eingenommen, zwei Studenten aus Israel, die seit zwei Wochen im Hochgebirge unterwegs sind und auch nach Theth wollen. Aus Israel nach Albanien? Man spürt die Befangenheit und ihre Suche nach einer geeigneten Antwort.

Das besondere Gastrecht der Albaner  hat sie her geführt.

Kein Albaner wird dir je die Tür weisen, auch dann nicht, wenn eine Besatzungsmacht dich verfolgt. Den Urgroßeltern von Sam und Jenny rettete dieses Gastrecht 1943/44 das Leben. Ihnen und vielen andern.
Theth, neue Herberge. Foto: Zbulo.org

Eine schöne Arbeitswoche wünscht

Olaf

Nächste Woche: Das Schäferdorf Doberdol, Bunker und Abschied aus Albanien

Den kompletten Bericht (alle bisherigen Teile) gibts entweder hier, oder einfach hier im Blog.

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