Maly Strba Maraton - Teil 2

Holzkirche - komplett ohne Metall

Die Laufstrecke zieht sich bergan der Sonne entgegen, und so fühl ich mich auch. Zwischen Gaumen und Hals steckt ein glühendes Eisen, in den Beinen Kautschuk. Dabei ist die Aussicht von unterwegs grandios und ich könnte das richtig genießen, wäre ich nicht so platt.

 

Die Slowakei - besser rechnen als beim Großflughafen Berlin


Es gibt ja unterwegs auch einiges zu sehen, die Slowakei ist reich an Eindrücken. Im Land verteilt stehen zum Beispiel einige Holzkirchen, die, weil von der katholischen Kirche abweichenden Glaubens, ohne jegliche Nägel, Schrauben, Stahlklammern oder andere Metalle errichtet werden mussten. Ein Gang durch solche Kirchen mutet an wie eine Seefahrt, alles schwankt ein wenig und es knarzt wie ein wurmstichiger Seelenverkäufer. Zumindest bei einer dieser Kirche ist nachgewiesen, dass der Baumeister weder lesen noch schreiben, wohl aber rechnen konnte. Bei heutigen Bauwerken in Deutschland ist es manchmal genau andersherum, beim Großflughafen Berlin zum Beispiel.

Die Luft ist raus


Rechnen kann ich inzwischen auch nicht mehr, ist mir auch egal. Ich hab mich bis zum Wendepunkt hochgeschleppt: In eines jener Dörfer die auch in Russland liegen könnten, bunt getünchte Holzblockhäuser, Gemüsegärten. Alte Frauen unter Kopftüchern. Jetzt aufgeben wäre blöd, aber ICH KANN NICHT MEHR.



Wohnen rustikal - Slowakei abseits der Touristenströme
Die Verpflegung an der Strecke ist ungewöhnlich, gut und herzlich, so wie das ganze Land. Aber im Grunde will ich nur noch nach Hause. Und zwar mit dem Auto. Die Kilometer abwärts ziehen sich und die Hitze drückt auf den Schädel. Ein Gewitter wäre jetzt mal was, aber daraus wird wohl nichts. Die ganze Woche über, oben in den Bergen, donnerte und goß es ab Mittags. Heute bleiben mir die 33 Grad erhalten und trocknen mich aus. Interessanterweise verläuft die Wasserscheide zwischen Baltischem und Schwarzem Meer durch diese Ortschaft. Der Gedanke daran haut mich in diesem Moment allerdings fast aus den Socken. Inzwischen hab ich Muskelkater und Gelenkschmerzen, bei Kilometer 25 überholt mich eine Meute junger Mädchen, fröhlich schwatzend. Na danke...

Hohe Tatra - Idylle pur

 

Die Weltmeister im Gepäckschleppen


Überhaupt sind die Slowaken echt coole Socken. Klettersteige in den Bergen nehmen die wirklich sportlich. Klettersteigset umschnallen? Vergiss es! Vom Fels hängen ein paar rostige Ketten herab: Die Klettersteigsicherung. Die beste Variante um unfreiwillige Flüge zu vermeiden: Fest zupacken.
Das allerkrasseste aber ist: Die schleppen sämtliche Waren auf ihren Schultern auf die Gebirgshütten hinauf. Meist verdienen sich Studenten ein paar Euro indem sie Bierfässer, Kohlen, Brennholz, Brot, Wurst, Käse - einfach alles was eine Berghütte so braucht, nach oben bugsieren. Auch über Klettersteige, die sehen das wie eine Sportart. Die spinnen, die Slowaken:) Aber die spinnen richtig klasse! Respekt!
Jedes Jahr finden Meisterschaften in dieser Quälerei statt. Ladungen von 100 kg und mehr sind keine Seltenheit. Auf dem Rücken...

Wann endet dieser Lauf endlich?


Ich selbst bin froh, wenn ich mein Eigengewicht über die Rest der Strecke bis nach Strba zurückbekomme. Aber irgendwann endet jeder Lauf, auch dieser. Nach 2:40 Stunden taumele ich unterm Zielportal durch. Noch nie war ich so fertig wie nach diesem Lauf, und ich kann mich nicht erinnern, nachher je wieder so leergelaufen gewesen zu sein. Ich fühle mich wie eine leere Hülle die es neu zu füllen gilt. Nur: Was das angeht, bin ich in der Slowakei genau im richtigen Land. Im Land von Brimsen, Wildgulasch und köstlichem Bier. Na dann, guten Appetit!

Trotz dieses eher abschreckenden Berichtes wünsch ich natürlich allen weiterhin viel Freude am Laufen. Habt Ihr auch außergewöhnliche Läufe hinter Euch oder einfach eine Lieblingsstrecke über die Ihr gerne schreiben wollt? Dann sprecht mich oder die anderen Sponsoren an, schickt uns Eure Berichte und Fotos für unseren Blog. Wir freuen uns auf Euch!

Einen schönen Laufsommer wünscht




Olaf